Erntedank im November

von Stephan Ebers


                                                                                                                    eine erbauliche Predigt für dunkle Stunden


 

            Liebe Gemeinde!


Auch wenn wir heute nur ein kleiner Kreis sind, so sagt doch Jesus, der Sohn Gottes: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Euch...“ Gott kommt es nicht auf große Zahlen an. Manche denken, feierliche Gottesdienste bedürfen einer Menge an Gläubigen, so wie jemand viele ihm liebe Menschen und Freunde zu einem Geburtstagskaffee einlädt, dann traurig ist, wenn stattdessen viele Absagen erfolgen. Haben wir Grund zur Traurigkeit? Nein, morgens umgibt uns der kühle Novembernebel, er hilft Gedanken zu ordnen, erfrischt mich auf der Fahrt mit dem Fahrrad zum Reformhaus, wo ich eigenhändig die Dinkelbrötchen für unsere Familie besorge. Dort treffe ich dann Menschen, die fleißig die Straße fegen, Frauen, die emsig Fenster putzen, überall ist Leben in einem Monat, der doch eher dem Nachdenken gewidmet ist.

Bevor ich in diese Gemeinde kam, arbeitete ich draußen auf dem Lande. Ich predigte dort zum Reformationstag über die Beharrlichkeit und Freude im Glauben. Ein feiner Nieselregen ging hernieder, während ich über die Freude am Monat November in Ägypten berichtete. Nach meinem Examen war ich dorthin gereist, weil es um diese Jahreszeit dort am schönsten ist. Nach der Predigt kam ein bodenständiger Landmann auf mich zu und sprach mich an: „Also Herr Pastor, das müssen Sie mir erklären, was ist am November so zum Freuen? Wir haben Volkstrauertag, Totensonntag, auf dem Friedhof werden Tannenzweige ausgelegt, alles ist verblüht. Das soll Freude verbreiten?“

Ich war sprachlos. Diese Klarheit in der Fragestellung dieses einfachenMannes, der damit eine Fülle theologischer Disputationen wie einen Eimer Waschwasser vor meinen Füßen buchstäblich ausschüttete,ließ mich nachdenklich werden. Es blitzte auf und Kindergeschrei hob an. „Sehen Sie, ein neues Gemeindemitglied werden wir jetzt taufen,auch ein Freudenspender“, rief ich erleichtert im Weggehen und eilte zu den Taufgästen.



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Doch quälte mich diese Frage weiter. Schließlich hatte ich mehrere Jahre an verschiedenen Universitäten studiert, sodass mich meine vorübergehende Ratlosigkeit ärgerte. In meiner Studierstube, dem Allerheiligsten, wie meine Frau zu sagen pflegt, genieße ich den Blick über das weite Land. So auch an diesem Nachmittag, als bleigraue Wolken das kühle Sonnenlicht verdeckten und in der Ferne ein Traktor die letzten Rüben auf dem Feld einsammelte. Plötzlich durchzuckte es mich. Ich hatte die zündende Idee, dachte an das Gleichnis vom Sämann im Weinberg, verließ den Raum und stürmte ins Wohnzimmer. Dort saß meine Frau, strickte an den Missionsstrümpfen für Mali, ein Projekt der Frauenhilfe unserer Gemeinde, während ich mit freudiger Erregung verkündete: „Der Herr bringt seine Ernte im November ein!“


Sie lächelte mich glücklich an, während aus dem Kinderzimmer das Geschrei unserer Jüngsten zu vernehmen war, eine Herzensfrucht von wenigen Monaten.


Ja, der Herr bringt seine Ernte im November ein, dann wenn wir manchmal verzagt vor dem grauen Alltag stehen und undurchdringlicher Nebel die Klarheit der frohen Botschaft verdeckt. Es war wieder ein Novembersonntag, als ich über die Öllampen der Jungfrauen sprach, von Finsternis und Licht, Trauer und Hoffnung. An der Kirchentür stand eine alte Frau, sie schaute mich ernst an und fragte eindringlich: „Herr Pfarrer, sie predigen so fröhlich über diesen dunklen Monat. Die Katholiken haben es doch aber besser, denn sie zünden zu Allerseelen ein Licht an den Gräbern an, das gibt ein wenig Freude und Wärme in dieser Zeit, aber wir Evangelischen sitzen im Dunkel.“


Erschrocken hielt ich inne. Schon wieder hatte ich mich ertappt dabei, grundsätzlichen Fragen aus dem Weg zu gehen, mich nicht der offenen Diskussion zur Ökumene zu stellen. Wie weit dürfen wir diesen Weg beschreiten, ohne uns selbst zu verraten. Was meinte Martin Luther zur Frage des Lichtes? Trauer in Dunkelheit, oder Erleuchtung der traurigen Finsternis? Wie können akademische Fragen dem Volke nahe gebracht werden, ohne des hermeneutischen Kernes entkleidet zu werden? Dies schoss mir durch den Kopf, wo doch diese schlichte Frau eines starken Trostes bedurfte. Ein Blick zur Uhr - in einer Viertelstunde erwartete mich ein junges Paar zum Traugespräch; aber ich stand jetzt und hier und zweifelte, ob ich diese Frau allein lassen konnte in ihrem inneren Zwiespalt. Das muss der heilige Geist gewesen sein – ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich an diese Begebenheit denke, denn mit einem Mal stand die Antwort klar vor meinen Augen. Diese Frau hatte ihren einzigen Sohn kurz nach Kriegsende in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager verloren. Anfang November 1945, glücklicherweise nicht im kalten russischen Osten, so traf ich sie gelegentlich am Grabe auf dem Friedhof. Darum kam es mir auch so leicht über die Lippen: „Der Herr bringt seine Ernte im November ein. Denken Sie doch nur einmal daran, wie Ihnen wohl zumute gewesen wäre, hätte man Ihnen statt im November am Weihnachtstag die Botschaft vom Tod Ihres Sohnes überbracht!“ In Ihrem Auge erglänzte eine Träne und stumm hielt ich ihre Hand in der Meinen.


Ich habe mich noch öfter gefragt, ob wir nicht gelegentlich über unser studiertes Wissen, die Stimme der Demut überhören, nicht aus Hoffart, sondern durch zuviel Ablenkung. So wünschte ich unserem tapferen Organisten, der Sonntag für Sonntag hingebungsvoll die Orgel spielte, während er alltags einer ungezogenen Kinderschar in der benachbarten Hauptschule ein wenig Rechnen, Schreiben und Lesen beibrachte: „Na mein guter Herr Scheffler, wo wir doch im November immer so wenig Lieder im Gottesdienst singen, da können sie ja noch mal so richtig ausspannen, bevor der Weihnachtsstress losgeht.“ Ernst schaute er mich an und mit bebender Stimme entgegnete er :“ Sie irren sich, denn im November bereite ich die Weihnachtslieder vor, deren stimmungsvolle Ausgestaltung und das neue Kirchenjahr im Lied.“



Beschämt schwieg ich. Wieder einmal hatte ich vor wissenschaftlichem Eifer das Naheliegende übersehen. Dieser Mann brauchte diesen Monat zum Kraft schöpfen. Da fiel es mir wieder ein. Vor fast zehn Jahren hatte es einen handfesten Skandal in dieser Gemeinde gegeben. Die Frau unseres Orgelspielers war zum Ewigkeitssonntag angeblich zu dem entfernten Grab ihrer Eltern gereist, um es dort in töchterlichem Totengedenken zu schmücken. Jedoch traf man sie in einem drittklassigen Hotel mit dem Referendar der Schule in einem Doppelzimmer an. Die aufgebrachten Kirchenvorsteher wollten damals diesen Umtrieben gründlich Einhalt gebieten und forderten mit Rücksicht auf das Empfinden der Gottesdienstbesucher die sofortige Suspendierung des Organisten und erst nach langen Diskussionen war es meinem Amtsvorgänger gelungen, einen Kompromiss auszuhandeln. Ohne Orgelspiel hätte dem Gottesdienst auch wirklich etwas gefehlt. Unser Herr Scheffler blieb uns erhalten, eine sofortige Scheidung und die Versetzung des Referendars konnte dann wieder etwas vom göttlichen Frieden, nach Jahren der Unruhe, in unsere Gemeinde einziehen lassen. Das war mir wieder gegenwärtig als ich in die gütigen grauen Augen unseres Organisten blickte. „Der Herr bringt seine Ernte im November ein“, sagte ich eindringlich, während ich ihm warm die Hand drückte. Ein bewegtes Zittern in seinem Körper bewies mir, dass er mich verstanden hatte.


Ja, liebe Mitchristen, wer hätte das gedacht. In einem solchen tristen Monat sind wir vielleicht viel eher empfänglich für die göttliche Verheißung, die direkt ins Herz gehende Botschaft, als in den leichtlebigen und luftigen Sommermonaten. Es sind Festtage, der Volkstrauertag, der Ewigkeitssonntag, von mir aus auch Totensonntag genannt, sie leuchten aus der Dunkelheit und rufen: „Der Herr bringt seine Ernte im November ein!“


Noch nie habe ich in meiner Amts- und Wirkungszeit es so deutlich gesehen, wie das tröstende Wort in solchem Monat wirkt. Denken Sie doch nur an die Mutter, die im Altenkreis mit Gleichgesinnten das Buch Hiob studiert und weiß, dass die brennenden Kerzen kein hohler Grabschmuck für ihren verlorenen Sohn sind, sondern auf die Ankunft des Gottessohnes verweisen. Da sitzt in der ungeheizten Kirche unser eifriger Organist übt Weihnachtschoräle und hat den Blick fest auf Epiphanias anstatt auf trügerische Grabbesuche und zwielichtige Hotels gerichtet. Schweigsam stapft der biedere Landmann über seine heimatliche Scholle, nicht zurückdenkend an den vergossenen Schweiß des Beackerns, sondern aufmerksam die junge Saat betrachtend. Alle diese Menschen haben Grund zum Feiern und wir sollten uns ein Beispiel daran nehmen. Zu Beginn haben wir gesungen: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.“ Lassen Sie uns dafür beten, dass wenn der Herr uns eines Tages scheidet, wir zur reichen Frucht gehören und nicht zum Fallobst!“


Na, Herr Pischornik, die Gottesdienstbesucher haben sich ja zum Schluss noch angeregt mit Ihnen unterhalten. Denen hatte es wohl die Predigt angetan. Wie war denn der Tenor? Oder, einfach ausgedrückt, was meinten die denn so?“ „Tja, Herr Pastor, die drei Männer wollten eigentlich Geld, weil das Amt heute geschlossen ist, da habe ich sie wegen Lebensmittelgutscheinen an die Diakonie verwiesen und die alte Frau von Hohenwulsch lässt entschuldigen, dass sie von der Predigt nicht viel mitgekriegt hat. Die Batterie in ihrem Hörapparat ist wohl leer. Das Auswechseln sei immer so schwierig. Ob da nicht einmal die Gemeindeschwester vorbei kommen könnte?“


Erstfassung November 1987, Zweitfassung November 2008


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