Pfadfinden - eine Lebenseinstellung und -aufgabe

Sehr oft bekommt man zu hören, wenn deutlich wird, dass man Pfadfinder ist:“Ach ja, jeden Tag eine gute Tat tun...“ Viele finden das lustig und das ist es ja auch, wenn Onkel Donalds Neffen Tick, Trick und Track eine alte Dame über die Straße geleiten, obwohl sie eigentlich dort gar nicht hin wollte. Doch das Fähnlein „Wieselschweif“, welches in späteren Ausgaben zum Fähnlein „Fieselschweif“ mutierte, ist nur eine Facette der Pfadfinderbewegung - die amerikanische halt.

Das Pfadfindertum hat sich über viele Länder ausgebreitet. Dadurch ist auch eine große Vielfalt entstanden, in der sich immer wieder Variationen der Pfadfinderregeln entdecken lassen. Diese Vereinbarungen zu einem verantwortungsbewussten Leben in der Gesellschaft und der Umwelt gehen zurück auf Robert Stephenson Smyth Baden-Powell, 1. Baron Baden-Powell (1857 - 1941). Allerdings haben sich unterschiedliche Traditionen in den einzelnen Ländern entwickelt. In den ehemaligen Ostblockstaaten gab es nach dem 2. Weltkrieg nur in Polen eine Pfadfinderbewegung. In der Sowjetischen Besatzungszone wurden zunächst Pfadfindergruppen wieder zugelassen, aber im Verlauf des kalten Krieges und der damit verbundenen Ideologisierung als „bürgerlich-dekadent“ wieder verboten.













Dieser Vorwurf der Bürgerlichkeit wird von gesellschaftskritischen Mitmenschen oft erhoben. In der Tat wurden erste Pfadfindergruppen im damaligen Deutschen Reich von Offizieren der kaiserlichen Armee gegründet und eher unter dem Aspekt eines militärischen Nutzens geleitet. Hinzu kamen dann aber die Einflüsse des „Wandervogel“, der der deutschen Pfadfinderbewegung einen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Mit dem 1.Weltkrieg setzte eine ungeheure Desillusionierung patriotischen Denkens ein. Von nun an veränderte sich die deutsche Pfadfinderbewegung in die heutige Form einer politisch bunte, aber doch von ökologischem Bewusstsein geprägten Jugendbewegung.



Es ist der besondere internationale Gedanke, der das Pfadfindertum auch so interessant macht. Über die weltweite Organisation der WOSM bzw. WAGGS sind in Deutschland die Pfadfinderbünde BdP DPSG, PSG und VCP vernetzt. Da der Begriff „Pfadfinder“ rechtlich nicht geschützt ist, gibt es auch eine Menge anderer Jugendgruppen, die sich als solche bezeichnen. Zum Teil wird dort auch sehr gute Pfadfinderarbeit geleistet, dagegen gibt es aber auch sehr einseitig ausgerichtete Gruppen, die unter dem Etikett „Pfadfinder“ für zweifelhafte Weltanschauungen missionieren.

Ein Kennzeichen dieser internationalen Zusammenarbeit von WOSM und WAGGS sind die großen Treffen, das „Jamboree“ . Für die Bedeutung des Wortes gibt es viele Erklärungen. Das erste Treffen fand 1920 statt. Heute trifft man sich im Abstand von vier Jahren. Das nächste Jamboree wird 2015 Japan als Gastgeber haben. Bei den letzten Veranstaltungen waren etwa 40 000 Teilnehmer zu verzeichnen. Für viele Pfadfinder gibt es kaum die Möglichkeit bei einer solchen Veranstaltung dabei zu sein.


Amateurfunk und Pfadfinden

Deshalb hat man seit 1958 das sogenannte „JOTA“ (Jamboree on the air) in das Leben gerufen. Pfadfinder nutzten die technische Ausrüstung von Funkamateuren um dadurch über weltweite Funkverbindungen auf der Kurzwelle Kontakt zu möglichst vielen anderen Pfadfindergruppen zu bekommen. Das JOTA findet jährlich am 3. Oktoberwochenende statt. Einige sind dadurch auch mit dem „Amateurfunkvirus“ infiziert worden und haben selbst eine Lizenz erworben, mit der sie dann „in die Luft gehen“ . Gefördert wird dieses Bestreben durch den pädagogischen Grundsatz, der auf Baden-Powell zurückgeht: „learning by doing“. Vor über zehn Jahren wurde dann das JOTA auf das Internet ausgedehnt. Neben dem „JOTA“ existiert auch ein „JOTI“. Die Bedeutung des selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Handelns von Kindern und Jugendlichen ist in unserer Gesellschaft von unschätzbarer Bedeutung.

















       

Wer gern mehr über diese jährliche Veranstaltung wissen will, findet hier:                     Informationen & Dokumentation zum JOTA 2011 (PDF-Datei)

Dieselbe Ausgabe ist auch als Power-Point-Präsentation erhältlich:                                     Informationen & Dokumentation zum JOTA 2011 (*.ppt - Datei)

Das wichtige Prinzip mit einfachen Mitteln etwas selbst zu konstruieren und zu gestalten ist ein tragendes Moment in der Pfadfinderpädagogik. Darum werden auch solche Veranstaltungen genutzt um z.B. einfache Morsetasten aus Wäschklammern zu bauen. (Bild unten)

Ausblicke

In Deutschland ist seit über 25 Jahren eine zunehmende Bevormundung innerhalb der Gesellschaft zu beobachten. Drastischer ausgedrückt: Kinder werden überbehütet und passiviert. Nicht umsonst droht der demokratische Rechtsstaat immer mehr in den Strudel zu einem reinen Präventionsstaat gezogen zu werden. Für Kinder bedeutet es, dass sie immer mehr davon abgehalten werden, eigene Erfahrungen zu sammeln, Entwicklungsaufgaben zu übernehmen, weil sie die Wirklichkeit nur aus „zweiter Hand“ erleben. Eine ausgefeilte Erlebnispädagogik versorgt sie ständig mit „Events“ ohne, dass die heranwachsende Generation die Möglichkeit bekommt, selbst etwas gestalten zu können. Kinder und Jugendliche leben mehr und mehr in einer sterilen, virtuellen Welt. Die Konflikte, die entstehen, wenn diese Käseglocke im Erwachsenenalter weggenommen wird, sind vorhersehbar. Die Pfadfinderpädagogik ist dem völlig entgegengesetzt. Sie kann in einer Welt der Entsolidarisierung nicht nur notwendige moralische Impulse geben, sondern vermag auch Strategien zu vermitteln, wie ein selbstständiges und eigenverantwortliches Handeln zum Wohle der Gesellschaft erfolgen kann. Von dem letzten Jamboree, an dem Baden-Powell noch teilnahm sind seine Worte weltberühmt geworden:

But the real way to get happiness is by giving out happiness to other people. Try and leave this world a little better than you found it when you were born…”